<b>WASSERMANAGEMENT:</b> Suone im Wallis

Ich war heute in der Gemeinde Glis im Schweizer Bergkanton Wallis für einen Vortrag und Diskussion mit über hundert Teilnehmern von verschiedensten Gruppen der Bevölkerung des Oberwallis. Der Kanton blickt auf eine faszinierende Wassergeschichte zurück. Auf der einen Seite die Suonen, Bewässerungssysteme gespiesen vom Schmelzwasser der Gletscher, Strukturen, deren Ursprung sich bis ins frühe Mittelalter zurückverfolgen lässt. Und dann, im 20. Jahrhundert, die Wasserkraftwerke, mit kühnen Staudämmen und Druckleitungen für eine besonders hochwertige Spitzenenergie.

Die Begegnung war für mich eine Gelegenheit zu neuen Einsichten zu meinem Blogthema, und für einmal nicht auf einem fremden Kontinent, sondern in der Nachbarschaft des Hauptsitzes von Nestlé.

Wasser, ich habe in diesem Blog schon verschiedentlich darüber geschrieben, steht zwischen Lebensmitteln und Energie. Häufig und zunehmend konkurrieren die beiden letzteren um das knapper werdende Wasser.

Einer der führenden Politiker des Kantons, Staats- und Ständerat Hans Wyer hat sich in ein Leben lang mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Nach einer erfolgreichen Karriere in der Politik kehrte er an die Universität zurück uns forschte für eine Dissetation zur Übertragung von Wassernutzungsrechten von den Bauern zu den Kraftwerken. Diese Kraftwerke standen am Anfang, waren die Voraussetzung für die Industrialisierung des Kantons, für wirtschaftlichen Fortschritt und eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in zahlreichen Seitentälern des Wallis.

Ueber Jahrhunderte wurde die Nutzung der Ressourcen in einzelnen Gemeinden des Kantons mit rigiden Regeln, in einer geschlossenen Wirtschaft stationär gehalten, eine Form von Nachhaltigkeit, die auch heute noch/erneut einigen vorschwebt. In einem System, das die Uebernutzung verhindern sollte wurde Umnutzung und Innovationen, und damit Effizienzgewinne weitgehend verunmöglicht. Elenor Ostrom Nobelpreis in Ökonomie von 2009, hat darüber geschrieben, namentlich die Dorfsatzung von Törbel von 1483, die neben der Zuteilung von Wasser eine nachhaltige Bewirtschaftung der Weiden steuerte. Die Weiden blieben intakt, und sie kam deshalb zum Schluss, dass solche Regeln und Gemeineigentum dem privaten Besitz und dem Handel mit Ressourcen überlegen seien. Über die Bevölkerung von Törbel sprach sie dabei nicht. Meist starben ein Drittel und mehr der Kinder bevor sie fünf Jahre alt wurden. In besseren Jahren mit etwas tieferer Kindersterblichkeit wurde dann ausgelost, wer das Dorf zu verlassen hatte, meist junge Männer als Söldner ins Ausland exportiert. Die meisten kamen dabei um, kehrten also nie zurück.

Wyer zeichnet ein anderes Bild. Private Nutzungsrechte von Wasser – in erster Linie von Bauern mit ihren Suonen, aber auch von Besitzern von Sägewerken, Mühlen und Schmieden, reichen im Wallis weit zurück. Wyer verweist auf bischöfliche Erlasse und Entscheide aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Er verweist auch auf Gewohnheitsrecht. Wasserläufe und andere Wasservorkommen seien „von den Nachbarn und Behörden unbeanstandet Jahrhunderte hindurch genutzt worden und zwar als private Gut.“ (Hans Wyer, Rechtsfragen der Wasserkraftnutzung, Diss. Bern 2000, erweiterte Fassung 2008).

Mit dem Aufkommen der Elektrizitätswerke stellte sich die Frage, wie man solche Nutzungsrechte neu zuteilt, gegen Entschädigung, auch mittels Enteignung übertragen kann. Bei aller Bedeutung der Wasserkraft: Energie auf Kosten von der Lebensmittelproduktion kann nicht funktionieren. Die Wassernutzungsrechte wurden deswegen gegen finanzielle Kompensation übertragen, wodurch Bergdörfer in die Lage versetzt wurden Investitionen zu tätigen, die den Bewohnern ermöglichten ihre Arbeit weiterzuführen.

Wyer zeigt: bei guten Lösungen für die grossen Herausforderungen des Wassermanagement sind Institutionen, Rechtssicherheit – einschliesslich privates, klar definiertes Eigentum von Nutzungsrechten – und Transparenz mindestens ebenso wichtig wie technisches Knowhow.

Vielleicht wandern sie gelegentlich in den Walliser Bergen, sehen die Suonen und Staudämme. Nehmen Sie sich Zeit und sprechen Sie mit den Leuten in den Dörfern über die Institutionen, die hinter diesen Strukturen stehen. Ihr Kommentar dazu auf dem Blog würde mich freuen.